Texte zur Kunst und Netzkunst 1996 - 2002

Nachtrag Kunst und Gewalt

Posted by Stefan Beck on Thursday, April 20, 2000
Zum Funktionieren des Systems

Das Ach und Weh über den Kunstbetrieb ist zuweilen groß, doch mich erstaunt immer wieder gerade sein beständiges Funktionieren. Wie ist es möglich, daß Institutionen und Galerien Monat für Monat neue Künstler ausstellen?
Daß es zu ihrer Auswahl Kriterien gibt, keine Frage; könnte es aber nicht passieren, daß irgendwann mal keine Künstler da sind, die diesen Kriterien genügen? Oder werden die Kriterien (Malerei z.B.) dann so weit gefaßt, daß wieder Künstler hineinpassen?

Wie oft mag es vorkommen, daß jemand sagt, ich weiß überhaupt nicht, welchen Künstler ich (noch) austellen könnte?

Kunst scheint ein unendlich verdünnbares Medium zu sein, das sich geschmeidig in die letzten Fugen einpaßt. Und überall sind die Resourcen knapp.

Selbst, wenn ich in die Provinz fahre, finde ich an allen Orten Ausstellungen vor, und niemand sagt, ach, wie schön, daß Sie Künstler sind; das ist mir ja lange nicht mehr vorgekommen.

Funktionäre
Das Gejammere der Institutionen über fehlende oder gekürzte Mittel mag groß und berechtigt sein, aber immerhin, sind die Budgets nicht soweit abgespeckt, daß ihre Funktionäre für ihre Gehälter selbst aufkommen oder dafür Drittmittel aquirieren müßten.

Die meisten Künstler dagegen müssen ersteinmal ihren Lebensunterhalt verdienen, bevor sie zum Kunstmachen kommen.

Nicht, daß nicht Stellen gestrichen oder in Praktika verwandelt würden, aber die generelle Auffassung herrscht weiter vor, daß es überhaupt Stellen geben müsse.

(Merkwürdig, daß es im Theater festangestellte Künstler (die Schauspieler) gibt, nicht etwa in einem Museum. Das könnte doch ebenfalls eine Art Compagnie verpflichten, die fest für das Mueseum malte. Es kann doch nicht daran liegen, daß es in der Theaterliteratur Rollen gibt. Nirgendwo in den Stücken steht geschrieben, daß die Schauspieler festangestellt, ja überhaupt bezahlt werden müßten.)

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Künstler-Positionen
Der Begriff der Position, die angeblich ein Künstler vertreten soll, mag ja sehr diffus und schwammig sein. Konkret gesehen handelt es sich aber um das Bild von einer begrenzten Anzahl von Stellen, die in einem gegebenen Raum zu einer bestimmten Zeit besetzt werden kann. Wenn, es deren unendlich viele gäbe, was machte es dann noch Sinn von einer Position zu sprechen?

Die beständige Unruhe unter den Künstler mag doch daher kommen, daß die Funktion von Kunst als die eines progessiven Besetzens von Nischen angesehen wird, das nicht als beliebig vervielfältigbar gilt.

Wenn jemand schon mal ein schwarzes Quadrat gemalt hat, dann ein zweiter nicht unter den gleichen Umständen auch ein schwarzes Quadrat malen. Zwar ist der Prozeß andererseits offen, aber eben nur um den Preis, daß eine neue Position, andere Positionen verunmöglicht.

Kunst ist daher Ideen-Kunst, als es keine Idee geben kann, die nicht gedacht werden könnte.

Wenn ich a denke und als neu aufasse, dann spricht nichts dagegen, daß nicht ein anderer vor mir a gedacht hat. Es gibt kein a-priori der künstlerischen Ideen, sondern nur ihr a-posteriori in Bezug auf das kunsthistorische Gedächtnis.

Künstler und Sammler
Ist es ein Zufall, daß ein Künstler wie Damien Hirst, der vornehmlich Tod, Gewalt und Zerstörung in seinen Arbeiten thematisiert, von einem Mann wie Charles Saatchi gesammelt wird, dessen Werbeagentur immer wieder für die Konservativen (Tories) gearbeitet hat, die wiederum dafür gesorgt hat, daß Solidarität in der englischen Gesellschaft zum Schimpfwort wurde, also Raubbau (eben Zerstörung) an der Mitmenschlichkeit betrieben hat?

Deckt der Künstler das zerstörerische Potential der Gesellschaft bewußt auf, reflektiert er es unbewußt, oder ist er anhand seiner eigenen Position, als empfindliches Subjekt, gezwungen es zu wiederholen? Hysterie oder Zwangsneurose?

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Sorry, geht grad nicht.

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